Aasimer

Aus der Zeitung der akademischen Division; Ausgabe Rutilo 671

“Grüße an meine wissensdurstigen Kameraden aus dem grünen Erun!
Mein Exkurs hat mich in die Stadt
Kravchuk des wilden Aasimerstammes der Yashureyl geführt, wo ich für die Akademie mehr über dieses faszinierende Volk erfahren will.
Um es kurz zu fassen: Die bisherigen Erkenntnisse über die Natureinwohner Aasims sind spärlich.

Wir werden von einem Schamanen begleitet, der sich mit einem unaussprechlichen Namen schmückt. Er erklärte uns, in der Handelssprache (ja, die Wilden beherrschen sie weitestgehend, dazu komme ich später) bedeute er so viel wie “Sprecher des Himmelszugs”. Dies ist doch recht verwunderlich, da die Aasimer (die sich auch selbst so bezeichnen) für gewöhnlich Namen vergeben, die sich stark an Materialien, Farben, Pflanzen oder Tiere anlehnen – vor allem aber, da ihnen ein abstraktes Konzept wie der Beruf eines Sprechers (höchstens im Sinne eines Boten) eigentlich fremd ist.
Denn diesem Volk ist persönliche Präsenz wichtig. Zwar gibt es ein Alphabet (das dem celestrischen sehr ähnlich sehe, wie mein Kollege Crad von Penvecos und ich bei einem ruhigen Abend im Zelt scherzten), doch geschrieben wird nur zu besonderen Anlässen. Alles wird persönlich geklärt; ist dies nicht möglich, wird unter einem Schwall von Floskeln erklärt (auf den hier nicht näher eingegangen werden soll), man sei im Auftrag des Betroffenen vor Ort, und man möge einen doch so gleichwertig behandeln, als sei der Geforderte daselbst anwesend.

_Wie oben erklärt, werde ich zunächst auf das Wunder der Sprachähnlichkeit eingehen. Die Muttersprache der Aasimer ist zwar von Grammatik und Wortschatz her einfach, ist in ihrer Grundstruktur aber der Darion’schen Handelssprache sehr ähnlich. Sie klingt auch verwandt, wie man es von unterschiedlichen Zwergen- oder Elfendialekten kennt, die deutlich dieselbe Abstammung haben, doch voneinander fremd genug sind, dass ein Ungeübter Schwierigkeiten hat, den Akzent des Anderen zu verstehen. Diese Ähnlichkeit führte dazu, dass generelle Verständigung mit den Stämmen schnell und erstaunlich reibungslos gelingt – sie haben eine hervorragende Auffassungsgabe, auch wenn sie nicht unbedingt gut darin scheinen, sie umzusetzen: Oft kommt es zu Querelen zwischen Stämmen und Individuen, da sie zwar schnell sprachliche Gepflogenheiten übernehmen, doch ihr Kulturverständnis nicht ausreichend zügig folgt…_

Sehr auffällig ist, dass das Volk (bei sämtlichen Stämmen) stark gläubig ist, aber keinen der großen Götter anbetet, wie es scheint. Schamanen, die über sehr roh wirkende Rituale ihre Posten als Gebetsleiter und Wahrsager ausüben, sind die einzige religiöse Instanz – es scheint keine an Privilegien und Verantwortung gebundene Hierarchie zu geben, sondern vielmehr eine Abstufung nach religiöser Erfahrung, vielleicht noch Kompetenz, wie man es von unseren Druiden kennt.
Es ist nicht klar, was genau sie anbeten, da man mit uns nicht darüber sprechen möchte – bestimmt, aber sehr höflich, wie zu bemerken ist. Meinem Kollegen und mir ist aber aufgefallen, dass die Farbe Weiß sowie ein geflügeltes Wesen, dessen verzerrte Schemen leider keinerlei Rückschlüsse über seine Natur zulassen, eine große Rolle spielen.

Ist man zwischen verschiedenen Stämmen unterwegs (und uns folgenden Wissenschaftlern wird hiermit nahegelegt, diese Art von Reise nicht vor den Aasimern zu erwähnen), wird mitunter die physische Ähnlichkeit unter reinrassigen Aasimern deutlich. Zum einen, wie schon oft bemerkt wurde, gehören sie zu den größeren Völkern. Was bisher nicht berichtet wurde, ist der immer wieder auftauchende frühe Farbverlust des Haupthaares. Man könnte meinen, dass ab einem Alter von etwa 30 Jahren (was selbst für einen Menschen früh wäre) die Tendenz zum Ergrauen eindeutig und schnell ansteigt. Allgemein sind dunkle Haarfarben selten, ebenso andere Augenfarben als hellbraun bis bersteinfarben. Nun könnte man argumentieren, dass diese Ansammlung ähnlicher Merkmale auf einer solch kleinen Insel wie Erun durchaus vorkommen kann, doch wunderten sich mein Kollege und ich uns über etwas anderes, viel Banaleres, und mit diesem Kerngedanken, der unsere Forschungen derzeit vorantreibt, möchte ich schließen:

Wie kann es sein, dass unter allen Stämmen, die einander zum Teil schwer verfeindet sind, sowohl Riten als auch deren Anlässe eindeutig dieselben sind? Kaum ein Handgriff ist ein anderer, kein Gewand markant verschieden, die Gesangsmelodien der Gebete ähneln einander stark.
Gerade heute stellten wir überrascht fest, dass sich sogar die Mode ähnelt: Obwohl grundsätzlich praktisch, findet man die Tendenz zum Silbrigen oder Weißen , Berg- und Sternmotive und stilistische Abwandlungen von Drachenflügeln.

Wir werden weiterhin berichten.
Mit neugierigen Grüßen,
Im Auftrag der akademischen Division,

Professor Rubin Lathem

Aasimer

Sichelwinde makkaal